Acht Monate Survivalfox, und drei Dinge, die nicht im Plan standen
Vor einigen Jahren habe ich Jakub Stokalski für klabbi.info interviewt, und ein Satz aus dem Gespräch ist seitdem an mir hängengeblieben. Spiele werden nicht entwickelt, sondern entdeckt. Damals fand ich das klug. So richtig nachvollziehen konnte ich es erst in diesem Jahr, an meinem eigenen Projekt.
Hinter dem Satz liegt eine schlichte Ordnung des Wissens:
- Es gibt das, was wir wissen.
- Es gibt das, von dem wir wissen, dass wir es nicht wissen, also die offenen Fragen, die sich mit Prototypen abarbeiten lassen.
- Und es gibt das große dritte Feld: das, von dem wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen.
Die Entwicklung von Spielen oder Software generell verkleinert das zweite Feld, Schritt für Schritt. Das dritte lässt sich nicht planen. Man kann nur hineinlaufen und entdecken, was man noch nicht wusste, und hinterher klüger sein.
Ich schreibe über Menschen, die feststecken. Über Spieler*innen, die nicht weiterkommen, über Organisationen, die erstarren, über Übergänge, in denen jemand ankommt, ohne wirklich anzukommen. Das ist die eine Hälfte von Waycleft, die beobachtende.
Survivalfox gehört in die andere: den Teil, an dem ich aufhöre, festgefahrene Systeme von außen zu beschreiben, und selbst in eines hineingehe. Eine App, die Spieler*innen gestufte Hilfen gibt, wenn sie nicht weiterkommen, ohne ihnen das Spiel zu verderben.
Drei Funde aus dem dritten Feld
Acht Monate an diesem Projekt haben mir drei Dinge beigebracht. Keines stand im Plan. Jedes habe ich entdeckt, nicht entwickelt.
Das erste war der Name. Ende März teilte mir das Markenamt mit, dass es die Eintragung der Wortmarke „Survivalfox“ nicht in Aussicht stellt. Die Begründung hatte eine eigene Ironie: „Fox“ sei hier kein Tier, sondern „Fuchs“ wie in Sparfuchs oder Steuerfuchs, also die clevere Person, die sich auskennt. „Survivalfox“ verspreche damit genau das, was die App tun soll, Tipps von jemandem, der das Überleben beherrscht. Der Name beschrieb das Produkt zu gut, um als Marke durchzugehen.
Den Antrag hatte ich Monate vorher abgeschickt, in der Nacht zum 1. November um 0:01 Uhr, in dem Moment, in dem eine ältere Marke gleichen Namens frei wurde. Meine stille Annahme: Wenn das schon einmal eine Marke war, ist es eine, die ich haben kann. Falsch. Ob ein Name schützbar ist, hängt davon ab, wofür man ihn anmeldet, und für meinen Zweck war er von Anfang an keine Marke, sondern eine Beschreibung. Ausgerechnet das, was mich sicher gemacht hatte, war das, was ich falsch gelesen hatte. Die markenrechtliche Seite, samt der Frage, was das fürs EUIPO bedeutet, hebe ich für einen eigenen Text auf.
Das zweite kam zwei Monate später, in einem Gespräch mit zwei Anwälten, die selbst Spieler waren und meine Idee deshalb in zwei Sätzen einordnen konnten. Mein Plan war, die frei lizenzierten Texte aus den Spiele-Wikis als Wissensbasis für den Prototyp zu nutzen. Creative Commons, dachte ich, heißt frei verwendbar. Genau da haben sie mir den Zahn gezogen. Eine CC-Lizenz auf dem einzelnen Beitrag heißt nicht, dass die Plattform die automatische Auswertung ihrer Inhalte erlaubt, und ein Wiki kann genau das untersagen. Die Guides sind außerdem keine bloßen Fakten, sondern ausformulierte Texte, und als solche geschützt.
Daraus folgte eine Umkehrung der Reihenfolge. Der saubere Weg führt nicht über die Wikis, sondern über die, denen die Inhalte gehören, die Studios. Zuerst der Kontakt, dann die Technik. Eine Erkenntnis, die die ganze Aufbaureihenfolge verschoben hat. Ausführlich gehört das in den Rechtsthemen-Text, hier zählt nur, dass ich diese Frage nicht kannte, bevor jemand sie mir gestellt hat.
Das dritte hatte ich mir am ehesten selbst zugetraut, und genau dort lag der Irrtum. April, ein Hackathon in Köln, 48 Stunden, ein KI-Prototyp. Ich war überzeugt, die Hürde würde die künstliche Intelligenz sein. Modelle, die nicht tun, was sie sollen. Antworten, die zu viel verraten oder zu wenig. Die erste Hürde war eine andere. Sie hieß Komplexität.
Ich hatte zu groß gedacht, zu viele Möglichkeiten gleichzeitig offengehalten, zu wenig Sicht darauf, was im System eigentlich passiert. In meiner Notiz von damals steht ein Satz, den ich so stehen lasse, weil er stimmt: Schnell bauen heißt noch nicht gut bauen. Was blieb, war keine Demo, sondern eine Verschiebung. Nicht das Modell kommt zuerst, sondern die Wissensbasis, aus der es schöpft. Der Teil, den ich für Vorarbeit gehalten hatte, das Sammeln und Pflegen der Inhalte, ist bei näherem Hinsehen das Produkt.

Drei Dinge, ein Muster. Keines stand im Plan, jedes hat die Bauweise verändert. Die Lizenz zuerst, nicht zuletzt. Die Inhalte vor dem Modell, nicht nach ihm. Ein Name, der frei ist, aber nicht schützbar, und der deshalb keine Energie mehr bekommt, die er nicht verdient. Korrekturen, die ich nicht durch Nachdenken erreicht habe, sondern durch Anstoßen an etwas Hartes. Genau das meint Stokalski, wenn er vom Entdecken spricht.
Warum das auf Waycleft steht
Das hier ist kein Erfolgsbericht. Drei Dinge, die ich nicht kommen sah, sind keine Heldengeschichte. Aber sie sind auch keine Niederlage. Wer nur die geglätteten Endstände zeigt, verschweigt genau die Stelle, an der das Wissen entsteht.
Das ist der Grund, warum Survivalfox hier auftaucht, auf Waycleft, und nicht in einem abgetrennten Produkt-Blog. Nicht, weil etwas verkauft werden soll, sondern weil das Bauen zur Arbeit gehört und nicht neben ihr herläuft.
Beobachten und Bauen sind zwei Instrumente für dasselbe Interesse. Das Schreiben fragt, warum Menschen feststecken. Das Bauen prüft, ob das, was ich darüber zu wissen glaube, einer App standhält, die genau diesen Moment abfangen soll. Wer nie selbst baut, bleibt im zweiten Feld stehen, bei den Fragen, die sich von außen stellen lassen. Das dritte betritt nur, wer baut.
Acht Monate, drei Entdeckungen, und keine stand im Plan.
Im November habe ich eine Anmeldung um 0:01 Uhr abgeschickt, um schnell zu sein. Heute schreibe ich zuerst die an, denen die Inhalte gehören, und warte. Was dabei herauskommt, weiß ich nicht, und ich rechne fest damit, wieder auf etwas zu stoßen, das ich jetzt noch nicht sehe. Survivalfox entwickle ich nicht. Ich entdecke es. Die nächste Entdeckung wartet schon irgendwo, an einer Stelle, die ich heute nicht kenne. Darauf bin ich neugierg.